17.10.2019 – Tag 15 – Porto ist erreicht + Next Generation Flying Steps (senior)

Die Nacht in meinem 4 Sterne Hotel war gut. Ich war zwar mehrfach wach aber das war für mich OK. Ich nutzte diese Unterbrechungen um meine Wäsche, die ich am Abend in der Badewanne gewaschen habe, fürs trocken zu wenden. Somit waren am Morgen die Klamotten fast komplett trocken. Es hat die ganze Nacht durchgeregnet und gestürmt. Aber laut Wetterbericht sollte es passen wenn ich wieder auf meinem Weg starte. Zuvor geht es aber ans Frühstücken. Ein traumhaftes Buffet ist angerichtet und verspricht ein schönes Frühstück. Was für eine tolle Auswahl. Frisch gebrühter Kaffee aus teuren Automaten. Bedienungen die aufmerksam sind und sofort zur Seite stehen, wenn mal was unklar ist! Echt toll! Ich Frühstücke mit vollem Genuss und überlege mir, ob ich mir hier wieder zwei Brote für unterwegs mache. Beim zweiten Gang ans Buffet entscheide ich mich nur für eine Banane und ein Ei für unterwegs. Das sollte reichen für irgendwann am Tag oder auch Abend. Wie es halt passt. Ich nehme also Banane und Ei, überlege mir beim zurücklaufen an meinen Tisch, ob ich das Ei schon in die Hosentasche meiner Jogginghose mach. Ich entscheide mich aber dagegen! Nicht das es noch anknackst wenn ich hier sitze und frühstücke. Ich lege also Banane und Ei, also meine Beute für unterwegs, auf den Tisch und esse weiter. Es kommt eine Bedienung vorbei und schaut beim vorbeigehen auf meinen Tisch. Also sie schaut so etwas, keine Ahnung, so bisschen anders halt… wurde ich entlarvt? Sie kommt nach wenigen Minuten wieder und spricht mich auf Portugiesisch an. Sie zeigt, so zu sagen, Richtung meiner Beute! Ich lenke ab und verweise auf mein leeres Saftglas. Dies scheint es aber nicht zu sein. Sie zeigt auf mein Ei, dass ohne Eierbecher auf dem Tisch liegt. Mist, der fehlende Eierbecher hat mich verraten, denke ich. Dann verstehe ich aber das Wort „fresh“ und bin natürlich darüber froh, dass es hier frische Eier gibt. Dann kommt es mir! Das Ei ist frisch! Nicht gekocht! Boah! Das wäre was geworden! Ich mit rohem Ei in der Jogginghose, beim Frühstück! Knack… Pampe in der Tasche… oder im Rucksack zwischen meinen Klamotten…. Knack… oder unterwegs in nem kleinen Café, nen Snack-Ei wo ich an der Tischkante aufschlage… Unmengen an Situationen fallen mir ein und ich lache innerlich wären die Dame das Ei zum Kochen mitnimmt.

Der Himmel ist grau in grau. Es ist leicht nebelig und alles ist, durch den starken Regen von heute Nacht, nass. Es ist aber für mich in Ordnung. Hauptsache nicht jetzt diesen Regen von heute Nacht. Der Weg am Vormittag bietet alles! Häuser, Wälder, Stadtflair, Asphalt, Knochensteine, Sand, Trampelpfade, Ruhe und Lärm. Alles zwischen einem schön und schön hässlich. Mir geht das rohe Frühstücksei nicht aus dem Kopf! Das wäre was geworden! Hätte es bis hier überlebt? Na ja… Der Weg hat sich schon sehr gewandelt. Wasser gibt es an jeder Ecke. Man muss sich keine Gedanken machen ob das Wasser reicht. Ich denke an die letzten Wochen zurück. Was für schöne und erstaunliche Momente gab es da! Was für tolle Unterstützungen hab ich von fremden Menschen bekommen. Was hab ich alles geschenkt bekommen. Unfassbar! – Es fängt ein leichter Nieselregen an und ich muss mich umziehen um dem Wetter gerecht zu werden. Aber es ist mir egal welches Wetter es jetzt hat. Allein der Gedanke an das ganze erlebte macht den Regen weg! Ich bekomme das Ei nicht aus dem Kopf und schmunzle…

Es geht durch kleine und verschnörkelte Siedlungen. Die Wege und Straßen sind mit Kopfsteinpflaster belegt. Der Weg führt den Berg hinunter. Es ist eng und die Straße hat Spurrinnen. Ich denke darüber nach und staune, dass ich bis jetzt noch in keinen Hundehaufen, und es gibt einige hier, getreten bin! Auf so langer Strecke. Wow! Und nur einen Stolperer hatte ich auf bald 500 Kilometern. Nicht schlecht denke ich mir. Zeitgleich ist ein Auto hinter mir und denkt sich; nicht schlecht, ein Pilger der nicht ausweichen will… Ich drehe mich um und bemerke das Auto und dann passierte es! Der Move schlecht hin auf nassem, abfälligen Kopfsteinpflaster! Die Flying Steps aus Berlin währen neidisch. Die Breakdance-Kür, was die Welt noch nicht sah, welche physikalische Gesetze für nichtig erklärt! Formschön und in voller Vollendung zeige ich dem Autofahrer, wie man mit Wanderrucksack der Erdanziehung trotz und die Beine und Arme hoch elastisch an andere Körperpositionen bekommt. Hochgradig geschmeidig und in einer noch nie gesehenes Eleganz beende ich meinen Move vor der Stoßstange des Autos auf dem Boden. Jeder Freestyler wäre vor Neid erblasst! Wie es wohl dem Ei… egal.. wer die Flying Steps nicht kennt kann hier reinschauen. Haben halt keinen 12 Kilo Wanderrucksack auf: (Anfänger)

https://youtu.be/YqmSiGepp48

Ich sammle mich vor dem Auto wieder auf. Der Fahre staunt nicht schlecht! Ja Junge, des hasch no ned gsähä! Gell! – Ein Wort mein Freund… Ein Wort! Denke ich mir… Schnell stehe ich wieder. War ja nur Show. Es geht mit leichter Unwucht weiter und als der neidische Autofahrer weg ist mach ich erst mal Pause. Es ist Zeit für einen Check. Bis auf ein verdrehtes Knie war aber der Schaden ganz überschaubar. Das Ei… ach scheiss auf das Ei! Ist ja gekocht… Das Knie hat eins abbekommen. Natürlich rechts… Dieses Knie ist eh nicht der Hit. Da ich für dieses sogar einen Stützstrumpf hab, wird er nun auch sofort angelegt. Ja, ich hatte die Stabilisierung für den Move nicht an! Ich verstehe den Wink…. es hätte aber mit Stütze nicht so spektakulär ausgesehen, weil ich das Knie nicht hinter die Ohren bekomme.

Es geht weiter auf dem Weg, leider mit schmerzen beim abwinkeln des Knies. Es ist wohl ordentlich gezerrt. Ich mach in einer Kneipe eine Pause. Ich kühle dabei das Scharnier von innen und berichte meiner Frau. Nach einer längeren Zeit geht es dann weiter. Hilft ja nix. Ich hoffe auf ebenen Asphalt da hier die Probleme am geringsten sind.

Kurz nach der Kneipe geht es eine alte Römerstrasse einen ganzen Kilometer bergauf. Welch Freude… Ein wunderschöner und sehenswerter Weg mit glatten und abgerundeten Steinen. Jeder Stein einen anderen Abstand und eine andere Höhe. Das läuft ja, denke ich mir.

Ich denke an Paul von der Herberge zurück und wie er sagte, dass du das bekommst was du brauchst… okehhh Römerstrassen am Hang… Was macht wohl das Ei?? Egal.

Es geht auf Sand weiter durch einen Wald. Leider mit tiefe Wassergumpen so breit wie die Straße und teils 10 Meter lang. Eingefasst von Wald und Dornen. Man muss am Rand an der Böschung klettern. Wie ich das jetzt brauchen kann… An der Natur wollte der Junge sein… Mist. – Es sind so tolle Wege durch die Natur, leider alles nicht Knieschonend.

Ich wurstel mich… Nein! Ich (Ei)ere als angehender Breakdance Weltmeister in der Senioren Klasse, aus der Natur heraus und komme in die Vorstädte von Porto. In einem Café pausiere ich zur Erholung. Ich möchte heute auf alle Fälle die Kathedrale und zuvor die Brücke „Ponte Dom Luís I“ in Porto erreichen. Ich sehe sie schon von der ferne. Das sind für mich die „Eckpfeiler“ zum Start des Jakobsweg 2016 gewesen. Wenn ich diese Positionen erreiche, dann verbinden sich so zu sagen die Jakobswege. Es treffen die Jahre 2016 und 2019 zusammen. Und je näher ich komme, um so mehr merke ich, dass es mir viel bedeutet und ich innerlich sehr Emotional bin. Ich denke nach was in diesen etwas über 3 Jahren passiert ist. Was wurde alles er und durchlebt. Was hat sich doch alles geändert. Es sind Menschen gegangen. Zu früh. – Vieles in den 3 Jahren hätte gut und gerne an einem vorbeigehen können. Vieles hätte bei jedem vorbeigehen können. Was ist es bei dir? – Gut, dass wir nicht in die Zukunft schauen können.

Auf der Ponte Dom Luís I mache ich an der selben stelle ein Bild wie 2016. Ich werde sie mal in Ruhe vergleichen. Ich mache mich auf den Weg zur Kathedrale. Es regnet und auch mir stehen die Tränen in den Augen. Wer hätte gedacht, dass ich hier, von Lissabon aus, ankomme! Ich bin dankbar und glücklich. Nein! Ich bin sogar etwas stolz auf diese Leistung die ich nicht alleine geschafft habe!

Ich finde in Porto ein kleines Zimmer am Fluss. – Mein Ei? Leider konnte es meinem Überschlag nicht standhalten…

Morgen werde ich die erste Etappe vom Jakobsweg 2016 gehen. In Lavra übernachte ich auf dem selben Campingplatz, wenn er denn geöffnet ist, wie 2016. Von dort geht es am Samstag Abend rüber zum Flughafen. Den Weg bis Santiago gehe ich nicht mehr. Hierfür reicht die Zeit wegen dem Umweg über Fatima nicht mehr. Am Sonntag, in der frühe, beende ich dann meinen Jakobsweg 2019 mit dem Schritt über die Türschwelle zuhause, bei meinen Lieben.

Ein guter Tag geht zu Ende.

Buen Caminho

Bilder des Tages:

1 Kommentar

  1. Lieber Holger, was hast du alles erlebt!!! Mit Spannung habe ich deine Beiträge gelesen und bin froh und dankbar dass du gut angekommen bist. Am Ziel deines Weges. Für das letzte Stück, nach Hause wünsche ich dir auch noch alles Gute.
    Du hast sehr viel erlebt und bist Menschen begegnet – zufällig?
    Zufall heißt, das gewisse Begegnungen /Dinge auf wundersame Weise genau in einer bestimmten Situation passieren. Man kann den Begriff
    “Zufall” auch als Vorsehung, Bestimmung oder Bewährung ersetzten. Ob nun im Positiven oder im Negativen muss jeder für sich selber entscheiden. Vieleicht liegt die Entscheidung darin wie lebensbejahend man ist. Ein aus den Fugen geratenes Leben ist kein verlorenes Leben. Wie oft sehen wir lediglich nur bis zu unserem Tellerrand. Es gibt so viel mehr außerhalb unseres kleinen, begrenzten Horizont. Wahrheiten, die wir nicht von vorne herein erfassen. Stück um Stück müssen wir sie ertasten , erfragen, erleben. Immer in genau der Häppchen Größe, wie wir sie auch schlucken können., in Geduld müssen wir auf die Zukunft hin leben, muss offen für das sein, was hinter dem Horizont für einem bereite gehalten wird. Es wird so viel mehr sein, als dass was im Moment vor unseren Augen ist!!
    -VORSEHUNG-BESTIMMUNG-BEWAHRUNG-
    Das ist mir, beim lesen eines Buches, so wichtig geworden und ich hoffe das ich immer dann daran, wenn sich Zukunfts-Ängste einschleichen
    wollen. Und das wünsche ich dir!!!!!!
    Fülle dich umarmt, gedrückt. In Gedanken und gebeten bei dir Claudia.

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